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Kolumne Sechs mit Gummi Die Herner Tragödie
Die Herner Tragödie PDF Drucken E-Mail
Sechs mit Gummi
kolumne_75x75Sechs mit Gummi die eishockey.net-Kolumne. ...und warum der EHC Ruhrpott nicht funktioniert. In Herne spielt sich zur Zeit eine Tragödie ab. Wie so oft im Leben geht es um das liebe Geld, vor allem um das, welches keiner zu zahlen bereit ist. Die Ruhrgebietskommunen hatten schon Ende der 60er Jahre mit Strukturproblemen zu kämpfen. Der Wandel von Kohle und Stahl zu mehr Dienstleistung musste auch attraktiv gestaltet werden, um einer Abwanderung von jungen Leuten vorzubeugen. Im Zuge dessen wurden 1970 der erste Revierpark gegründet (Gysenberg-Park) mit der Erstellung der Eishalle am Gysenberg.

Gut, Energiekosten waren seinerzeit noch nicht das Thema. Auch fielen kaum Kosten für Reparaturen an, wenn etwas neu ist. Doch der Zahn der Zeit nagt auch an Eishallen. Die Stadt merkt in den Neunzigern schnell, daß sich die Halle nicht mehr rentiert, ja sogar ein Zuschussgeschäft wird. Um von den Kosten herunterzukommen, wird halt privatisiert. Das das nicht gut geht, war vorauszusehen, denn auch in privater Hand werden die Betriebskosten lediglich umgeschichtet.

Sehen kann man das daran, daß in Herne nach erfolgter Privatisierung von Seiten der Stadt nach wie vor Zuschüsse geleistet und auch Kaufpreiserleichterungen dem Erwerber (Jürgen Stienecke) zugebilligt wurden (obwohl die Stadt selbst kein Geld hat). Auch in privater Hand war demnach ein rentabler Betrieb nach wie vor nicht möglich, Rückstellungen für Sanierungen konnten ebenfalls nicht gebildet werden, der Sanierungsstau wurde immer länger.

Es wurde an der Halle nichts gemacht, sondern lediglich weiter gewurstelt.

Dann, in 2008, wurde die Eishalle am Gysenberg durch die Pape-Gruppe erworben. Wir kennen jetzt nicht die Kaufverträge und die Absprachen, trotzdem lässt sich folgendes festhalten.

1.)    Jürgen Stienecke ist sein Groschengrab endlich los.
2.)    Die Stadt Herne sah die Chance, sich des Subventionstopfes Eishalle Gysenberg zu entledigen.
3.)    Der Pape-Gruppe war offensichtlich das Ausmaß der zu tätigenden Sanierungsmaßnahmen nicht bewusst. Auch machten wohl versteckte Mängel den neuen Betreibern  zu schaffen.
4.)    Dem Herner EV wurde das Mitspielen in der Oberliga durch das großzügige Engagement des Herrn Pape erst ermöglicht. Dadurch wurde dem in den letzten Jahren nicht gerade verwöhnten Herner Publikum eine neue Perspektive ermöglicht.
5.)    Fakt ist, daß es ohne Ralf Pape kein Herner Eishockey mehr geben hätte. Genau dafür wurde der Retter Ralf Pape von den Hernern durchaus vergöttert, und das kann Ihnen niemand verdenken.

Am 01.08.2009 platzte dann die Bombe. Eine TÜV-Prüfung ergab, daß die Ammoniak führenden Kühlrohre derart marode sind, daß eine Eisaufbereitung aus Sicherheitsgründen in der Eishalle Gysenberg zu unterbleiben hat. Daß eine kurzfristige Wurstelei nicht sinnvoll ist, haben eigentlich alle Beteiligten eingesehen. Nur eine Sanierung der Halle macht den Eishockey-Standort Herne sicher. Gespräche der Betreibergesellschaft mit der Stadt verliefen ergebnislos. Soweit so schlecht. Hier ergeben sich für mich offene Fragen.

1.)    Die vorläufige Betriebsgenehmigung der Halle bei Übernahme durch die Pape-Gruppe war an Auflagen geknüpft, z.B. der Isolierung der Kühlrohre. Die Arbeiten sollten auf die Sommerpause gelegt werden. Warum wurden die Arbeiten nicht in Angriff genommen?

2.)    Weshalb wurde in Herne ein Zweitligakader installiert, obwohl mit der Schließung der Halle am Gysenberg zu rechnen war?
Antworten hierauf bieten Raum für die wildesten Spekulationen.

Zu. 1.)     Ralf Pape dachte nicht im Traum daran, die Halle nur mit eigenem Geld zu sanieren. Vielmehr sollte sich die Stadt Herne nach der mehr oder weniger missglückten Privatisierung Ende der neunziger Jahre, nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen. Die Stadt Herne hat ja schließlich zunächst selbst dafür gesorgt und später tatenlos zugesehen, wie die Halle Jahr für Jahr maroder wurde. Dann lässt man schon einmal das Kind in den Brunnen fallen um damit der Stadt die Pistole auf die Brust zu setzen. Daß er von Duisburg etwas anderes gewöhnt ist, mag ihm in seinem Denken bestärkt haben. Doch hat in Duisburg zunächst die Stadt als Eigentümer saniert, bevor eine private Trägergesellschaft unter der Abhängigkeit von Ralf Pape installiert wurde/werden soll, ebenso konnte Essen mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket 2 sanieren, da die Stadt Eigentümer war und ist. Für Herne waren natürlich städtische Projekte wichtiger. Das sah das Konjunkturpaket 2 auch so vor. Das wiederum hätte Pape wissen oder vor dem Erwerb klären müssen. Die Taktik, erst einmal kaufen und dann mit dem Kopf durch die Wand kann dann nicht aufgehen, zumal dem OB auch noch unterstellt wird, es wäre etwas anderes abgesprochen gewesen.

Mal ganz ehrlich, wenn ich schlechte Karten habe, dann komme ich doch nicht mit der Pistole, sondern backe erst einmal kleine Brötchen. Das hört sich alles ähnlich an wie seinerzeit die Sache mit Duisburg und der ESBG. Auch hier hat Ralf Pape „sich auf die Aussagen der ESBG“ verlassen und für die 2. Bundesliga gemeldet (siehe hierzu Kolumne „Wenn Alleinherrscher alleine sind.“). Offensichtlich reicht ein Griff ins Klo nicht aus. Auch daß die Stadt Herne nicht gerade auf Rosen gebettet ist, sollte Herrn Pape bekannt sein. Da hier weder von Seiten der Stadt, noch von Seiten der Pape-Gruppe transparent kommuniziert wurde, kommt der Verdacht natürlich auf, daß Pape auf diesem Weg einen zweiten Mieter für seine Halle in Duisburg akquiriert. Der zeitliche Ablauf bezüglich des Umzugs nach Gelsenkirchen und der Präsentation des neuen Namens „HEV Ruhrpott Crusaders“ mitsamt neuem Logo lässt Spekulationen freien Lauf. Auch die Argumentation, daß die Pape-Gruppe aufgrund der Weltwirtschaftskrise Herrn Pape nicht so die Taschen füllt, daß er aus eigenen Mitteln die Sanierung finanzieren könne, greift nicht wirklich, da er selbst genug Gegenargumente liefert.

a.)  Der Herner Kader ist ein Zweitliga-Kader, der durchaus bescheidener hätte ausfallen könnte. Auch wenn es nur die Alternative 2. Bundesliga oder Landesverband geben würde, dann wäre den Herner Zuschauern die Alternative Landesverband lieber, anstatt künftig kein Eishockey mehr zu sehen.

b.)  Für den Einstieg des Herrn Ralf Pape bei den Kölner Haien mit entsprechendem Eintrittsgeld ist genug Geld übrig.

c.)  In Duisburg kann es sich Ralf Pape leisten, den Zuschauern Regionalliga-Eishockey bei freiem Eintritt zu bieten.

Zu 2.)  Das Herne aufsteigen soll, dürfte angesichts des Kaders jedem klar sein. Doch was passiert danach? Die Hallenfrage am Gysenberg ist nicht geklärt, und das es zur Saison 2010/2011 dort Eis gibt nicht garantiert. Was liegt also näher, als die Herner Lizenz im Falle eines Aufstiegs nach Duisburg zu transferieren, quasi als Wiedergutmachung für vier Jahre DEL-Leiden und das Verspekulieren an der ESBG-Börse mit bekanntem Ende in der Regionalliga? Oder die Installation eines Ruhrgebiets-Clubs in Oberhausen (oder sonstwo)?

Tut mir leid, ein Großclub aus der Retorte im Ruhrgebiet wird nicht funktionieren, nicht mit Herne, nicht mit Duisburg, nicht mit Essen. Traditionelle Eishockey-Standorte lassen sich nicht verpflanzen, weil sich Heimat nicht verpflanzen lässt. Das hat auch schon mit Ratingen / Oberhausen nicht geklappt, auch wenn es eine andere Zeit war. Duisburg sind die Füchse, Essen sind die Moskitos, Herne ist der HEV. Alle zusammen sind weder die Ruhrpott Crusaders, -Knappen, -Miners oder -Papes.

Fazit:
Der Ruhrgebietler an sich ist eine absolut ehrliche Haut. Er kann es nicht vertragen, wenn man ihn übervorteilt. Auch wenn manche Konsequenzen sehr schmerzhaft sind, dann will er sie trotzdem hören. Dann weiß er wo er dran ist und kann für sich entscheiden. Er benötigt keine anderen, die für ihn und über seinen Kopf hinweg entscheiden. Also muss zunächst Offenheit und Transparenz her. Dazu gehört die Klärung der offenen Fragen. Dazu gehört eine Analyse über die tatsächlichen Schäden an der Gysenberg-Eishalle. Danach gehören auch seitens der Betreiber glaubhafte Informationen über die jeweiligen Standorte. Dazu gehört ein Miteinander von Betreiber und Kommune. Aber etwas sollte jedem klar sein. Pape ist nicht der alleinige Schuldige. Selbst wenn er konsequent sei.

Im Forum haben wir eigens für die Kolumne einen Diskussions-Thread eingerichtet. Wir würden uns über regen Austausch freuen.

Für eishockey.net: Jürgen Windeck